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Camino de Santiago I

Von einem langen Weg und einer großen Sehnsucht

Jedes Jahr wenn der Lütte Stirnlampe, Rollwaschtasche, Schlafsack, Metallteller und Besteck, fürs Zeltlager der freiwilligen Feuerwehr packt, packen mich die Erinnerungen.

Wir sitzen auf dem Dachboden und kramen in meinem großen, grünen Outdoorrucksack, ich erzähle Geschichten vom wild Campen irgendwo an der irischen Atlantikküste, wo es in der Nacht so dunkel ist, dass man wirklich nicht die Hand vor Augen sehen kann. Der Lütte antwortet mehr als einmal mit seinem Lieblingsausspruch „ Oh ha!“ wobei er das oh und das ha bedächtig in die Länge zieht.

 

Ich liebe diesen Rucksack. Er riecht nach Erde und Freiheit, nach Unabhängigkeit und Abenteuer, nach Sehnsucht und Meer.

Vor drei Jahren bin ich gegangen.

Vor drei Jahren konnte ich nicht mehr, also bin ich gegangen.

 

Anfang 2016 war es, ich war müde und abgearbeitet, genervt und mit seidenem Geduldsfaden ausgestattet. Ich hab mich total erledigt gefühlt, wollte am liebsten einen langen Winterschlaf machen. Oft habe ich in der Küche am Fenster gestanden, in die endlose Weite des Himmels gestarrt und mich einfach weg gewünscht. Ich brauchte eine Pausetaste! Für mich, mein Leben, meinen Beruf.

 

Vor allem mein Beruf hat mich ziemlich oft an meine Grenzen gebracht. Ich bin gelernte Heilerziehungspflegerin und habe mit Menschen mit Assistenzbedarf in einer vollstationären Wohneinrichtung gearbeitet. Meine Arbeitszeit fand zwischen sechs Uhr morgens und dreiundzwanzig Uhr abends statt, Werktags, an Wochenend- und Feiertagen. Oft auch sieben oder neun Tage durch. Überstundensammelei und Kranksein wechselten sich quasi ständig ab. Biorhythmus und Familienqualitätszeit waren beides ziemlich im Eimer. In der Arbeit powerte ich richtig: Anleitung der Schüler, Betriebsratsarbeit, Organisieren von Festen und therapeutischen Gruppenfahrten, ein Mini-Schwimmprojekt mit einer Einzelbetreuung und oben drauf der ganz normale Gruppendienstwahnsinn. Zu Hause ging dann nichts mehr. Gefühlt setzte ich mich in meinen Sessel und stand erst wieder auf wenn es erneut an der Zeit war zur Arbeit zu fahren. Nähe konnte ich nicht ertragen und Verantwortung nicht übernehmen. Der Kühlschrank war leer und die Wollmäuse häuften sich in den Ecken. Freizeitgestaltung fand fast nicht statt, weil jede Bewegung anstrengend war. Ich wollte nur in Ruhe gelassen werden.

Ich wusste ich muss etwas verändern, denn so wie es war konnte es nicht weiter gehen.

 

Mitte Februar stand für mich fest: Ich kündige! Aber auch: Ich brauche eine richtige Pause!

 

Ich redete lange und intensiv mit meinem engsten Vertrauten: Meinem jetzigen Ehemann. Tat er meine „Phasen“ vorher meist unbeholfen mit einem: „Das wird schon wieder!“ ab, war er an diesem Samstag im Februar wunderbar verständnisvoll und bestärkte mein verheultes Selbst mit einem „Dann mach das!“

 

 

Riesig war das Gefühl, als ich zum alljährlichen Mitarbeitergespräch mit meinem Vorgesetzten Ende Februar mein Kündigungsschreiben mitbrachte. 

Er nannte mich NAIV! Ich dachte: Spinner!

Er war total baff und für diesen Moment allein hatte es sich so unendlich gelohnt. Er maßte sich sogar an mich naiv zu nennen, einen unbefristeten „alten“  Vertrag (also besser bezahlt als die „neuen“ Verträge) einfach so aufzugeben. Ich dachte, der spinnt doch! Gerade in meinem Bereich gibt es so einen enormen Arbeitskräftemangel, ich finde doch immer was Neues! Wir redeten über Beurlaubung und Sabbatical, aber mein Entschluss stand fest! Ich wollte weg!

 

Entscheidungen fälle ich meist nicht leichtfertig. Ich gehe lange damit schwanger, um sie ganz genau abzuwägen und wieder und wieder durchzuspielen. Aber dann sind sie gefällt, wie ein Baum!

 

Ich wollte auch nicht einfach nur eine Pause machen und zu Hause vor mich hin Muddeln und mittags für die Kids kochen, ich wollte meinen Rucksack packen und wandern gehen. Jeden Tag einen Schritt vor den anderen setzen, jeden Tag irgendwo losgehen und irgendwo anders ankommen, irgendwo wo ich noch nie angekommen bin, im besten Fall bei mir selbst.

 

Aus dieser Gedankenblase formte sich ziemlich schnell eine Idee und daraus ein konkreter Plan: Ich pilgere den Jakobsweg nach Santiago de Compostela! Den Camino de Santiago! Und vorher verbringe ich ein paar Tage in Paris!

 

Ich wollte schon immer nach Paris. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich mich auf mein Rad setze, an der Nordseeküste entlang fahre, so wie ich es zuvor schon die Ostseeküste entlang geschafft hatte, und irgendwann in Paris ankomme. Nun wollte ich nach Saint-Jean-Pied-de-Port, denn dort hatten schon viele Lospilgerer vor mir gestartet, was im Süden Frankreichs lag, warum dann also vorher nicht einen Abstecher nach Paris machen?

 

 

Warum wollte ich eigentlich pilgern? In der Vergangenheit zuvor hatte ich nicht viel Erfahrung mit dem Pilgern machen können. Drei Wochen bin ich mit Rucksack und Zelt durch den Süd-Westen Irlands gewandert und habe zwei Wochen auf dem Ostseeradweg mit meinem Trekkingbike und zwei großen Gepäckträgertaschen verbracht. Das Wetter war mir nicht immer hold. Es war windig, verregnet, nass, moddrig. Der Rucksack war schwer, die Füße oder bei der Fahrradreise der Hintern, taten am Ende des Tages weh, die Isomatte im Zelt nicht sonderlich bequem und in der Unterkunft oder dem Zeltplatz war es oft auch mal bis in die Nacht hinein laut. Kurze Nächte wurden von langen Tagen  abgelöst. Tägliches Wäsche waschen per Hand in einem Waschbecken (oder auch mal in einem Bachlauf) und zum Trocknen aufhängen an den Spannleinen des Zeltes…

 

Warum also Pilgern?

Diese Freiheit verdammt!

Trotz all der Strapazen habe ich mich immer frei gefühlt. Es gab kein konkretes Ziel, keine Reservierung, einfach nur irgendwann, irgendwo ankommen. Und wenn es mir da nicht gefiel war es nicht schlimm, am nächsten Tag würde ich weiter laufen oder fahren. Und wenn es mir gut gefiel, dann bin ich einfach noch geblieben.

Also pilgern!

Schon bevor 2016 dieser Entschluss feststand hatte ich ziemlich viel über den „Camino de Santiago“ gelesen und diverse Filme und Dokumentationen gesehen. Ich war fasziniert und kann nicht mal jetzt, wo mich dieser Weg immer noch nicht losgelassen hat, nicht sagen warum. Was bedeutet Pilgern eigentlich? Ein Pilger begibt sich auf eine Wallfahrt, aber was ist eine Wallfahrt? Google sagt:

 

Eine Wallfahrt ist eine „aus verschiedenen religiösen Motiven (z. B. Buße, Suche nach Heilung) unternommene Fahrt, Wanderung zu einem Wallfahrtsort, einer heiligen Stätte“.

 

Ich bin kein religiöser Mensch und glaube auch nicht an Gott oder an Götter im Allgemeinen, ich glaube aber daran, dass es eine spirituelle Kraft, die in der Welt, im Universum und in jedem einzelnem von uns existiert, gibt. Ich kann sie weder begreifen noch mit einem einzigen Wort benennen, aber ganz tief in mir kann ich sie spüren.  Vielleicht ist das das was mich auf diesen Weg zog…

 

 

Ich wollte mir richtig viel Zeit nehmen können, auch Zeit für Pausen haben oder kürzere Etappen, deswegen habe ich mir den ganzen August und September für dieses Pilgervorhaben „frei“ genommen. Ich habe mir keinen neuen Job gesucht, das wollte ich in Ruhe „danach“ machen. Ich wollte nicht während des Weges schon von irgendwelchen späteren Plänen vom Freisein, vom Wachsen und Werden, abgehalten werden. Ich hatte einen Spanisch-Grundkurs gemacht, hatte einen viel zu großen Trekkingrucksack viel zu voll gemacht und bin am 01.08.2016 um sechs Uhr morgens nach Paris gestartet.

Notre Dame, Paris, Frankreich, Stadt der Liebe, Rosenfenster,

Notre Dame

Eiffelturm, Paris, Frankreich, Stadt der Liebe, Rosenfenster,

Eiffelturm

Sacre Coeur, Paris, Frankreich, Stadt der Liebe, Rosenfenster,

Sacre Coeur


Es war ein Montag, irgendwie finde ich es schön, große Vorhaben an einem Montag zu starten. Ich hatte zweieinhalb Tage in Paris verbracht und am Donnerstag bin ich mit dem Zug nach Saint-Jean-Pied-de-Port einmal quer durchs Land gereist. Am Nachmittag kam ich dort an, bekam wichtige Informationen in der Pilgerauskunft, meinen ersten Stempel und eine Jakobsmuschel, das Erkennungszeichen aller Pilger. Ich suchte mir eine Unterkunft, wusch meine Wäsche, aß etwas, schlenderte durch den Ort und besuchte die Kirche. Es war der 04.08.2016. 

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Sechs Tage später saß ich im Flieger auf dem Weg nach Hause…

To be continued...

Wie es weiter ging liest du hier.

verlinkt bei der Urlaubslinkparty von Nähfrosch.